Manchmal steht Coworking drauf, ist aber nicht drin

Wir erzählen und schreiben ja immer, was Coworking eigentlich ist. Jetzt drehen wir das mal um: Was ist denn kein Coworking? Was ist Coworking nicht?
Dieser Kommentar basiert auf meiner derzeitigen (August 2018) Meinung. Das bedeutet, es sind keine Fakten in dem Sinne, und meine Meinung könnte sich auch mal ändern.

Warum muss sich Coworking abgrenzen?

Den meisten Menschen sind die Unterschiede zwischen Coworking, Bürogemeinschaften, Business Centern und ähnlichen Konzepten nicht klar. Mit dem Erfolg des Begriffes Coworking nutzen auch immer mehr der verwandten Konzepte die Begrifflichkeit. Dies geschieht entweder ohne verstanden zu haben, dass es signifikante Unterschiede gibt, oder einfach aus Marketinggründen. Beides zeichnet eine schlechtes Bild der dahinterstehenden Personen. Die "echten" Coworking Spaces müssen sich also abgrenzen gegen die Verwaschung des Begriffes, um die eigene Definition zu schützen. Dieser Kampf gegen Windmühlen wird mit dem weiteren Hype um New Work und damit auch um Coworking nicht einfacher werden.

Zusätzlich gibt es die Menschen, die Coworking nur als billige Arbeitsplatzvermietung betrachten und rein kostenmäßig mit dem Homeoffice vergleichen. Da fehlt leider das Verständnis dafür, worum es beim Coworking geht: um die Community.

Wie erkenne ich, was KEIN Coworking Space ist?

Die Problematik beim Erkennen ist, dass jeder Coworking Space anders ist. Bei soviel Individualität ist es manchmal schwer, die Gemeinsamkeiten zu erkennen. Manchmal ist dem einen Space etwas sehr wichtig, dem anderen aber überhaupt nicht. Alleine schon bei den klassischen Coworking Spaces ist also viel Varianz drin. Das macht natürlich das Setzen einer Grenze sehr schwierig. Ab wieviel Abweichung ist ein Space kein Coworking Space mehr? Diese Frage lässt sich derzeit nicht ganz klar beantworten. Wir können also bei Grenzfällen nur nach bestimmten Merkmalen schauen und diese persönlich bewerten.

    Merkmalliste für KEIN Coworking

    Aus der folgenden Merkmalliste sollte sich also jede Person die ihr wichtigen Merkmale aussuchen und diese zur Einschätzung der Spaces verwenden.

    1. Viele der Merkmale ergeben sich aus den fünf Grundwerten des Coworking. Wenn der Space nirgends auf der Website die Werte benennt, oder diese auf Nachfrage nicht nennen kann, ist das  ein schlechtes Zeichen. Die fünf Werte sind:
      • Offenheit
      • Kollaboration
      • Nachhaltigkeit
      • Gemeinschaft
      • Zugänglichkeit
    2. Keine Offenheit.
      • Ausschluss von Menschen
        • aufgrund Ihres Berufs
        • weil sie nicht an Veranstaltungen teilnehmen wollen
        • weil sie nicht die weiteren Leistungen des Anbieters kaufen wollen (z.B. Beratung, Marketing,...)
        • weil sie anders sind
      • Kein Wissensaustausch
      • Kein Interesse an anderen Menschen und deren Leben
      • Das Design, die Tischordnung und viele weitere Details sind strikt vorgegeben
    3. Keine Kollaboration
      • Konkurrenzangst herscht vor
      • Es entwickeln sich keine gemeinsamen Projekte
      • Keine Vorstellung neuer Coworker, oder anderer interessanter Gäste
      • Synergien werden nicht gefördert
    4. Keine Nachhaltigkeit
      • Ressourcen (Drucker und ähnliches) werden nicht geteilt
      • Es geht nur um Wachstum des Spaces
      • Möglichst viele Mitglieder auf möglichst wenig Platz
    5. Keine Gemeinschaft
      • Jeder bleibt für sich
      • Keine gemeinsamen Aktionen wie gemeinsames Mittag essen
      • Keine Gespräche untereinander
    6. Keine Zugänglichkeit
      • Coworking Spaces, die keine Tagestickets oder ähnliche Kurzzeittickets anbieten, bieten keine Zugänglichkeit. Meist wird das Argument gebracht, dass sich ja eine Gemeinschaft dadurch entwickelt, dass man sich eben lange kennt und wenig bis keine Fluktuation da ist. Betreiber solcher Spaces wollen eine Bürogemeinschaft gründen, keinen Coworking Space. Die Argumentation ist außerdem falsch: Gesunde Communities haben einen bestimmten Grad an Fluktuation, eine gesunde Community wächst in natürlichen Schritten.
      • Auch für feste Mieter keine 24/7 Zugang möglich
      • Keine Flexibilität in der Preisgestaltung, um auch Menschen in schwierigen Situationen zu unterstützen.
      • Es ist schwer, sich der Community anzuschließen - es dauert sehr lange, bis man akzeotiert wird.
    7. Kein Community Manager
      Ohne Community Manager keine Community, ohne Community kein Coworking. Der Community Manager ist so gut wie immer da und ist die "gute Seele" des Coworking Spaces.
    8. Es wird nach außen nur nach Gründern und Startups gesucht
      In den meisten Coworking Spaces sind Gründer und Startups nur ein Teil, meist der kleinere, der Community. Wenn nur nach Gründern und Startups gesucht wird, ist es eher ein Inkubator oder Accelerator als ein Coworking Space.

    Diese Liste ist sicher nicht vollständig und wird wahrscheinlich auch noch erweitert werden. Sie gibt aber einen ersten Anhaltspunkt zur Unterscheidung von Coworking und den anderen Modellen. Im folgenden Vergleiche ich Coworking noch kurz mit anderen Officemodellen.

    Coworking vs. Y

    Wichtig ist, dass es völlig in Ordnung ist zu sagen: Ich will keinen Coworking Space, ich will eine Bürogemeinschaft. Wenn das besser passt, na klar, go for it! Es geht mir um die Benennung: Schreibe nicht "Coworking Space" drauf, wo "Bürogemeinschaft" drin ist. Das macht es für dich klarer, das macht es für deine Interessenten klarer, und es hilft uns auch. Wir senden dir sogar die Personen vorbei, die uns testen, aber in einer Bürogemeinschaft besser aufgehoben wären.

    Coworking vs. Bürogemeinschaften

    Bei Bürogemeinschaften geht es um eine feste Gruppe von Menschen, die zusammen bleibt. Personenwechsel sind sehr selten. Meist trägt die Gemeinschaft den Mietvertrag gemeinsam, dieser kann aber auch von Einzelpersonen unterschrieben sein. Die einzelnen Mieter haben langfristige Verträge mit langen Kündigungsfristen.

    Im Coworking Space kommen häufiger neue Menschen dazu. Die Vereinbarungen sind flexibel, selbst Monatstickets sind mit sehr kurzen Laufzeiten (meist 2-4 Wochen) kündbar.

    Coworking vs. Business Center

    In Business Centern hast du viele Services (z.B. Sekretariat), die zusätzlich gebucht werden können. Es gibt hier meist Räume mit Einzelarbeitsplätzen oder abgeschlossene Teamräume. Der Austausch zwischen den Anwesenden wird nicht gefördert und oft auch von den Anwesenden nicht gewünscht.

    Im Coworking Space gibt es die Services, die von anderen Coworkern angeboten werden. Die Spaces selber haben Angebote für Meetings und andere Veranstaltungen. Der Austausch zwischen den Anwesenden wird stark gefördert und ist von den Coworkern generell gewünscht.

    Coworking vs. Homeoffice

    Eine tolle Beschreibung der Vor- und Nachteile im Homeoffice liefert The Oatmeal in seinem Webcomic ab: "Why working from home is both awesome and terrible" (http://theoatmeal.com/comics/working_home)

    Darauf bezogen findest du im Coworking den sozialen Austausch, den so gut wie jeder Mensch braucht. Du behältst alle Freiheiten und gewinnst Kollegen. Du kommst raus und hast eine Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Du kannst auch wieder Feierabend machen - und manchmal auch mit deiner neuen Community ein Feierabendgetränk zu dir nehmen.

    Coworking vs. Café mit Internet und Strom

    Das Geschäftsmodell eines Cafés ist der Verkauf von Getränken und dazu passendem Gebäck. Du solltest also beim Arbeiten im Café immer wieder etwas neues bestellen.

    Der Fokus des Coworking Spaces ist die Wohlfühl-Arbeitsatmosphäre und die Community. Du darfst auch den ganzen Tag nichts trinken, die Community wird dich aber vielleicht fragen, ob es dir gut geht und ob du nicht doch mal was trinken magst. Du musst dir deinen Kaffee wahrscheinlich selbst holen. Genieße die Bewegung dabei ;).

     

     

    Was sind deine Erfahrungen mit Coworking Spaces? Was muss ein Coworking Space für dich auf jeden Fall haben, was darf überhauot nicht sein? Wir freuen uns über Rückmeldungen an info@weXelwirken.net .

     

    Lies doch auch folgende zum Thema passende Artikel:


    Der Blogbeitrag von Tobais Kremkau "Medienkritik: Warum WeWork & Co. keine Coworking Spaces sind": http://isarmatrose.com/?p=4633
    Zitat: "Das Unternehmen, das Innovation und Offenheit sucht, wird seine Angestellten in Coworking Spaces schicken."

    Das Krämerloft in Erfurt erzählt in Ihrem Artikel "SCHREIBTISCH MIETEN IST KEIN COWORKING!" warum die Community das wichtigste am Coworking ist. https://kraemerloft-coworking.de/coworking-community/